Marlies Ferber

 

How it began …

In meinem Büro hängen vier gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen Agatha Christies Meisterdetektivin Miss Marple, gespielt von Margaret Rutherford: eine Frau in den Siebzigern, klug, unerschrocken und mit trockenem Humor. Zusammen mit ihrem größten Bewunderer und Helfer, dem belesenen Mister Stringer, spekuliert sie in ihrem Fachwerk-Cottage bei einer Tasse milchigen englischen Tees über das Mordmotiv, um sich dann entschlossen ihr Cape um den stattlichen Körper zu schwingen und in die Höhle des Löwen zu marschieren.

 „Sterben ist immer auch Platz machen für andere“, würde der Mörder hämisch sagen, bevor er daran ginge, Miss Marple, die ihn entlarvt hat, aus dem Weg zu schaffen. So, dass es aussieht, als sei es ein natürlicher Tod. Miss Marple würde mit zittriger Stimme nach Inspektor Craddock rufen, dass er ihr zur Hilfe eile. Craddock, der Trottel, würde natürlich versagen, doch in ihrer Not, auf sich allein gestellt, würde Miss Marple es schaffen, dem Mörder die Stirn zu bieten.

 Über sie wollte ich schreiben. Über die Faszination einer starken Persönlichkeit, über das Sterben und auch über ein Versteckspiel mit Identitäten.

 „Du liebe Güte“, meinte Miss Marple kopfschütteld, als ich ihr begeistert von meiner Projektidee erzählte. „Alte Geschichten aufwärmen. Was versprechen Sie sich denn davon?“

Ich sah sie mit naiver Bewunderung an. „Na ja, ich finde Sie toll, und ich will Ihnen neues Leben einhauchen.“

„Wieso neues Leben? Bin ich etwa tot?“, fragte sie empört.

„Nein, natürlich nicht“, beeilte ich mich zu versichern.

Sie musterte mich eine Weile mit ihren klugen Augen, und mir wurde heiß. „Äh, vielleicht war es doch keine so gute Idee. Ich meine, ich weiß nicht, ob ich …“

Sie winkte ab. „Ach was, wenn man in seiner Jugend keine Dummheiten macht, wann dann. Wohl ist mir nicht dabei, aber machen Sie nur. Aber geben Sie sich wenigstens Mühe mit dem Drumherum.“

„Drumherum?“

„Schreiben Sie zum Beispiel bloß nicht, dass ich pausenlos Tee mit Milch trinke. Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis: Ich verabscheue Tee.“

„Das ist ja interessant! Genau wie James Bond!“, entfuhr es mir. Mein zwölfjähriger Sohn war gerade in einer Bond-Phase.

„Der gute James“, sinnierte Miss Marple. „Hat mir damals schwer den Rang abgelaufen. Kunststück, die haben schon in Farbe gedreht.“ Sie nippte an ihrem Wodka Martini. „Sagen Sie, gibt’s den eigentlich noch?“

Ich nickte heftig. „Und wie! Neulich bei Madame Tussaud‘s konnte man sich am Eingang neben ihm fotografieren lassen. Er wird irgendwie nie älter. Im Gegenteil, sein Körper ist wirklich …“

Miss Marples Augen blitzten zornig auf. „Wissen Sie was? Schreiben Sie doch lieber über den! Und tun Sie mir einen Gefallen: Ändern Sie das!“

„Was soll ich ändern?“

„Sie wissen schon. Das mit dem Alter.“

„Wie soll ich das denn anstellen?“

Sie nahm einen großen Schluck, stellte das Glas ab und lehnte sich zurück. „Nun werden Sie mal selbstständig, Kindchen. Aber wissen Sie was? Geben Sie mir eine kleine Rolle, dann kann ich ein Auge auf alles haben.“

Ich bedankte mich artig. Die Sache fing an, mir über den Kopf zu wachsen. An der Tür kam mir Mr. Stringer entgegen.

„Jim, kommen Sie rein“, rief Miss Marple und winkte ihn zu sich, nun bestens gelaunt. „Lassen sie uns anstoßen, ich mache im neuen Bond mit.“

„Wie bitte?“, fragte Mr. Stringer perplex. „Sie wollen Bond-Girl werden?“

Miss Marple griff nach der Flasche Smirnoff. „Warum nicht!“

Mister Stringer nippte an seinem Wodka und zwinkerte mir zu. „Das erste Bond-Girl, das gleich am Anfang stirbt, das böse Bond-Girl oder das für‘s Happy-End?“

Miss Marple schüttelte den Kopf. „Kleben Sie doch nicht so an Klischees, Jim. Weder noch.“ Sie wendete sich wieder mir zu: „Und geben Sie mir einen anderen Namen. Jane, das ist ganz und gar unpassend, nicht wahr.“

„Wie wäre es mit Honey?“, fragte ich, übermütig geworden.

„Himmel noch mal, sehe ich aus wie jemand, der Honey heißt?“

„Bekomme ich auch eine Rolle?“, fragte Mister Stringer eifrig.

„Na klar“, versprach ich. „Wollen Sie der Böse sein?“

Mister Stringer neigte den Kopf zur Seite. „Ich weiß nicht.“

Miss Marple erhob sich und griff energisch nach ihrem Cape. „Kommen Sie, Kindchen, trinken Sie mit Jim und mir ein Bier im „Eight Bells“, da können wir alles Weitere bereden. Ich finde, Julius wäre ein passender Name für Mr. Stringer, was meinen Sie? Und was mich angeht, ich könnte mir vorstellen …“

 Am nächsten Morgen wachte ich mit einem Kater auf.

Und mit einem Romantitel: Null-Null-Siebzig.